24. März 2026
Das Nervensystem in vs. außer Balance - Was hat das mit Panik zu tun?

Dieses spannende Thema habe ich im Buch von Klara Hanstein „Hey Panik! Komm mal wieder runter!“ entdeckt. Bevor ich das Buch las, war mir nicht bewusst, welche Bedeutung mein Nervensystem im Zusammenhang mit meinen Panikattacken hat. Vielleicht hast du in letzter Zeit schon einmal etwas vom Vagusnerv gehört. Auch er ist Teil unseres Nervensystems und spielt eine wichtige Rolle in unserem Leben.
Viele Menschen, die unter Panikattacken leiden, stellen sich irgendwann dieselbe Frage:
Warum reagiert mein Körper so extrem, obwohl eigentlich keine echte Gefahr besteht?
Das Herz rast, die Atmung wird schneller, der Körper fühlt sich an, als würde er gleich die Kontrolle verlieren. Oft entsteht zusätzlich die Angst, dass mit dem eigenen Körper grundsätzlich etwas nicht stimmt. Doch was viele Betroffene nicht wissen: Die meisten Symptome einer Panikattacke sind keine Fehlfunktion des Körpers. Sie sind vielmehr Ausdruck eines Nervensystems, das versucht, dich zu schützen.
Ich neige dazu, im Laufe eines Tages sehr oft in mich hineinzuhören: Wie fühlen sich meine Beine an? Ist da ein Druck im Brustbereich? Irgendwie fühle ich mich heute schlapp … und so weiter. Es ist also ein ständiges Rückversichern und Kontrollieren des aktuellen Zustands meines Körpers. Daraus ergibt sich unweigerlich eine hohe körperliche Grundanspannung. Durch diese erhöhte Grundanspannung ist der Übergang in eine Panikattacke nicht weit, denn die Anspannung befindet sich bereits auf einem sehr hohen Niveau.
Wenn man versteht, wie das Nervensystem arbeitet, wird vieles an Panikattacken plötzlich nachvollziehbarer. Und genau dieses Verständnis kann ein wichtiger erster Schritt sein, um anders mit ihnen umzugehen.
Das Nervensystem: Das Schutzsystem unseres Körpers
Das menschliche Nervensystem ist ein hochkomplexes Netzwerk, das ständig Informationen verarbeitet und den Körper steuert. Grob gesagt, besteht es aus zwei Teilen: Einem bewusst arbeitenden (somatisches Nervensystem) und einem unbewusst / automatisch arbeitenden (autonomes Nervensystem) Teil. Das autonome Nervensystem wird wiederum in drei Teile eingeteilt: Das sympatische Nervensystem, das parasympathische Nervensystem und das enterische Nervensystem.
Um sich den individuellen Zustand deines Nervensystem anzuschauen, kannst du dir eine Ampel vorstellen, zwischen deren drei Ampelfarben du hin- und herwechseln kannst. Klara beschreibt in ihrem Buch sehr gut, wie die einzelnen Ampelphasen definiert werden können:
Der grüne Bereich
Befindet sich dein Nervensystem in diesem Bereich, ist es sozusagen im Ruhemodus. Du bist entspannt, ausgeglichen und spürst eine innere Ruhe. Dein Herz schlägt ruhig und gleichmäßig, auch deine Atmung geht ruhig und fließend und deine Muskeln sind entspannt. Alles was auf dich zukommt, nimmst du mit Ruhe und Selbstvertrauen an.
Der orange Bereich
Unser Nervensystem bekommt etwas zu tun und wird aktiver. Wir müssen eine Aufgabe erledigen, uns konzentrieren, fokussieren und spüren dabei eine leichte Anspannung. In dieser Phase wird der Herzschlag leicht erhöht, auch die Muskeln werden mehr durchblutet, der Blutdruck steigt etwas und die Fokussierung & Aufmerksamkeit steigt.
Der rote Bereich
In diesem Bereich empfindest du eine unangenehme Anspannung und je weiter du im roten Bereich nach oben kommst, desto überforderter fühlst du dich. Dein Nervensystem ist hoch aktiviert, du fühlst dich außerordentlich gestresst, dein Blutdruck steigt, dein Herz rast, deine Atmung wird sehr schnell und einen klaren Gedanken zu fassen, ist fast unmöglich.
Wenn du schon länger, wie ich, unter Panikattacken leidest, werden dir der orangene und der rote Bereich sehr bekannt vorkommen. Ich glaube, dass mein Nervensystem schon lange nicht mehr auf grün stand. Wir dürfen allerdings lernen und unserem Nervensystem zeigen, dass der grüne Bereich erstrebenswert und sicher für uns ist.
Zwei Zustände des Nervensystems: reguliert oder dysreguliert
Ist unser Nervensystem in Balance (reguliert) fällt es uns leicht, je nach vorherrschender Situation zwischen den einzelnen Bereichen zu wechseln und sich so individuell auszurichten. Meist befindet es sich im grünen oder orangenen Bereich und wechselt zwischen Entspannung und Aufmerksamkeit. Je nachdem was es gerade braucht.
Ist dein Nervensystem außer Balance (dysreguliert) ist der rote Bereich oft dein zu Hause. Der Wechsel in den orangenen oder grünen Bereich gelingt nicht so einfach. Die Gründe für ein dysreguliertes Nervensystem können vielschichtig sein und lässt sich oft nicht einfach herausfinden. Das Nervensystem reagiert oft nicht vorhersehbar, was eine Unsicherheit mit sich bringt, wodurch eine hohe Grundanspannung bleibt. Wir fühlen uns nicht mehr sicher mit uns selbst.
Wie oben schon erwähnt, würde ich selbst einschätzen, dass sich mein Nervensystem meist im roten und im orangenen Bereich befindet. Den grünen Bereich hat es schon lange nicht gefühlt. Daher ist mein Ziel, wieder ein reguliertes Nervensystem zu haben, dass auf Basis der verschiedenen Anforderungen zwischen grün und gelb hin- und herspringt und nur äußerst selten einen Ausflug in den roten Bereich macht.
Panikattacken sind eine Überreaktion des Nervensystems
Bei einer Panikattacke passiert im Grunde Folgendes: Das Alarmsystem des Nervensystems wird aktiviert, obwohl objektiv keine reale Bedrohung vorhanden ist. Das Gehirn interpretiert etwas als Gefahr. Manchmal ist das ein Gedanke, manchmal ein Körpergefühl, manchmal auch ein Stresszustand im Hintergrund.
Das Angstzentrum im Gehirn, die Amygdala, schlägt Alarm. Innerhalb von Sekunden wird eine ganze Kaskade an körperlichen Reaktionen ausgelöst. Stresshormone werden ausgeschüttet, unter anderem Adrenalin. Der Körper wird auf maximale Aktivität eingestellt.
Das Problem ist also nicht, dass dein Körper falsch funktioniert. Das Problem ist, dass er zu gut darin ist, dich zu schützen. Er reagiert nur auf einen falschen Alarm. In einer echten Gefahrensituation passiert normalerweise etwas Entscheidendes: Die Gefahr verschwindet wieder. Dann aktiviert sich das Beruhigungssystem des Körpers. Der Puls sinkt wieder, die Atmung wird ruhiger, und das Nervensystem kehrt in einen stabilen Zustand zurück.
Bei Panikattacken ist dieser Übergang manchmal schwieriger. Je nachdem in welchem Bereich sich dein Nervensystem vorab bzw. im Normalfall befindet, kann das zurückspringen in den orangenen oder grünen Bereich schwer fallen. Du kannst dein Nervensystem bei der Beruhigung allerdings unterstützen. Vielleicht hast du in der letzten Zeit mal vom Vagusnerv gehört. Wird dieser Nerv stimuliert, funktioniert er wie eine Bremse, die den Körper beruhigt und reguliert.
Wenn das Nervensystem empfindlicher geworden ist
Bei Menschen mit häufigen Panikattacken scheint dieses Gleichgewicht des Nervensystems oft etwas verschoben zu sein. Es reagiert schneller auf mögliche Bedrohungen und bleibt manchmal länger im Alarmzustand. Das bedeutet nicht, dass etwas „kaputt“ ist. Es bedeutet eher, dass das Nervensystem sensibler geworden ist.
Dafür kann es viele Gründe geben:
- chronischer Stress
- belastende Lebensphasen
- traumatische Erfahrungen
- Schlafmangel
- dauerhaft hohe innere Anspannung
Mit der Zeit kann sich das Nervensystem daran gewöhnen, häufiger im Alarmmodus zu sein. Dadurch wird die Schwelle niedriger, ab der eine Stressreaktion ausgelöst wird. Ein kleiner Auslöser reicht dann aus, um eine große körperliche Reaktion zu starten.
Der Schlüssel zur Regulierung des Nervensystems: Die Atmung
Die Atmung ist eines der wenigen Systeme im Körper, das sowohl automatisch als auch bewusst gesteuert werden kann. Wenn du langsam und tief atmest, sendest du Signale an den Körper, dass keine akute Gefahr besteht.
Besonders die lange Ausatmung aktiviert den Vagusnerv und damit das beruhigende System des Körpers. Darum wird in vielen therapeutischen Ansätzen empfohlen:
- langsam einzuatmen
- länger auszuatmen als einzuatmen
Allein diese Veränderung kann messbare Auswirkungen auf das Nervensystem haben. Und das Gute ist: Du hast deine Atmung immer dabei!
Das Nervensystem ist lernfähig
Das Nervensystem ist anpassungsfähig und verändert sich durch Erfahrungen. Wenn das Nervensystem häufig Stress erlebt, wird es sensibler für Bedrohung. Aber das Gegenteil ist ebenfalls möglich. Wenn der Körper wiederholt Erfahrungen von Sicherheit, Regulation und Entspannung macht, kann sich das System nach und nach stabilisieren.
Dieser Prozess braucht Zeit. Doch er ist möglich. Viele therapeutische Ansätze bei Panikattacken arbeiten genau mit diesem Prinzip: dem Nervensystem Schritt für Schritt neue Erfahrungen zu ermöglichen.
Ein anderer Blick auf Panikattacken
Wenn man Panikattacken ausschließlich als psychisches Problem betrachtet, bleibt vieles rätselhaft. Wenn man sie jedoch als Reaktion eines überaktiven Nervensystems versteht, entsteht ein anderes Bild.
Der Körper ist nicht gegen dich. Er versucht, dich zu schützen. Nur manchmal reagiert er auf Signale, die eigentlich keine echte Gefahr darstellen. Das Ziel im Umgang mit Panik ist daher nicht, den Körper zu bekämpfen. Sondern ihn wieder zu regulieren und Sicherheit zu vermitteln.
Das Nervensystem ist kein starres System. Es kann lernen, sich wieder sicherer zu fühlen. Und genau dort beginnt für viele Menschen ein neuer Weg im Umgang mit Panikattacken. Du bist nicht allein!
Quellen:
Hanstein, Klara. (2025). Hey Panik, komm mal wieder runter!. 1. Auflage. München. Kailash Verlag.
https://www.gesundheitsinformation.de/wie-funktioniert-das-nervensystem.html
https://www.medizin.uni-tuebingen.de/puls-online/articles/was-die-vagusnervstimulation-wirklich-kann
https://sportaerztezeitung.com/rubriken/training/19798/atmung/